blue bird an blue sky

12. April

Es kann kein Zufall sein. Blue bird! Es gibt so viele Nicknamen. Ausgefallene. Spaßige. Nichtssagende. Aber gerade blue bird! Auf einer Singlebörse, bei der sie als blue sky registriert ist. Blue bird und blue sky. Blue sky und blue bird.

Aufsperren, Jacke fallen lassen, Schuhe ausziehen, Laptop starten. Jacke aufhängen. Firefox, sky-dating aufrufen, hoffen. Ja. Eine Antwort auf ihr gestriges Gedicht „Jeder Tag“ von Reiner Kunze:

jeder tag ist ein brief/ jeden abend versiegeln wir ihn/ die nacht trägt ihn fort/ wer empfängt ihn?/ die großen spaziergänge, auf denen wir nicht ins leere greifen – immer geht die hand des anderen mit.

Liebe blue sky, versuche sie nicht zu be-greifen, die andere hand, fühle sie, auch wenn sie nicht mitgeht

die langen jahren/sehnender suche/fanden vor ihrem vergehen/die liebe

unerwartet, unerreicht/ einzig und doch so alltäglich

im ewigen kreislauf/ der endlichkeit

füge ich mich

wissend/ du bist

lebst dein eigenes/ leben, in dem/ich sein darf

keine weisheit/ kein glück/ ohne dich und deine zärtlichkeit

zu spüren

Ihre Augen streichelten seine Buchstaben ohne zu lesen und ihre Stimme sang I heard the Bluebird sing ohne zu singen.

Bei Bluebird musste sie immer an Opa denken. An seinen kleinen Bauernhof. Opa war immer da. Auch wenn er einmal nicht da war. Blue bird ist auch immer da.

Wie er wohl aussieht? Ihre Freundin hat sie gestern aufgezogen: „Wenn er dich an deinen Großvater erinnert, wird er wohl auch so ausschauen.“ Er sieht sicher nicht wie Opa aus. Mittelgroß, dunkles längeres Haar. Und sanft. Aber fest verankert.

Schnell noch eine Antwort:

langsam/ ganz langsam und vorsichtig/ sehr vorsichtig

beginne ich/ es zuzulassen/ dass du zärtlich/ so zärtlich

meine Mauer/ ums Herz/ weichstreichelst

Schau! Eine Antwort! So schnell!

Liebe blue sky

langsam/ ganz langsam/ wächst meine Liebe

ein Säugling noch/ ruft sie nach dir

unbestimmt ihr Werden/ ungewiss ihre Dauer/ sorglos ihr Sein

Was soll ich antworten?

wie einen Säugling/ umarme ich dich/ voller Sorgfalt

Klingt etwas kitschig. Jetzt ist Schluss. Morgen geht die Inventur weiter. Inventur. Was weist meine Inventur vor? Beruf, Wohnung und zwischendurch einen Urlaub? Oder steht auch blue bird auf meiner Habenseite? Blue sky, träum` nicht schon wieder. Träum lieber von blue bird.

12. Mai

Blue sky, was ist los mit dir, warum denkst du heute immer wieder an den neuen Nachbarn mit dem dunklen längeren Haar? Aufsperren, Schuhe ausziehen und ins Regal stellen, Jacke ausziehen und aufhängen. Laptop starten. Als ob er ihre Gedanken von gestern gehört hätte: Beruf, Wohnung und zwischendurch einen Urlaub:

Schrei, Geburt und Schule/ Schule, Schule, Schule/ Schule, Job und Urlaub

Arbeit, Arbeit, Urlaub/ Arbeit, Arbeit, Krankenstand/ Pension und Ende?

Fahrrad, Kreta, Regen/ Da kamst du/ und im Nu/ ist alles völlig anders

Vielleicht passt Erich Frieds „Dich nicht näher denken“:

Dich nicht näher denken/ und dich nicht weiter denken/ dich denken, wo du bist/ und weil du dort wirklich bist

Dich nicht älter denken/ und dich nicht jünger denken/ nicht größer und nicht kleiner/ nicht hitziger und nicht kälter

Dich denken und mich nach dir sehnen/ dich sehen wollen/ und dich liebhaben/ so wie du wirklich bist

Ob der neue Nachbar wohl hitzig ist? Irgendwie könnte man ihn auch liebhaben. Ach blue bird, was hast du mit mir gemacht? „Unbestimmt im Werden/ ungewiss in der Dauer/ sorglos im Sein“

Eine E-Mail! Ja!

in der blauen Stunde/ des Abendrots/ denke ich an dich

während die Bäume/ ihre dunklen Nachthemden überstreiften

kosten sich unsere Lippen

und ein friedlicher Vogelgesang

hallt wieder und immer wieder

Vielleicht ist es kindisch, dieses Dichten, aber irgendwie auch verführend. Aber auch ein bisschen be-drängend. Blue bird überdeckt gerne. Mit seinen Worten. Der neue Nachbar gibt mehr Raum. Seine gesprochenen Worte explodieren nicht wie ein Geysir. Die quellen nicht einmal wie Lava aus einer unbekannten, gefährlichen Tiefe hervor. Alles unausweichlich überlagernd. Die rieseln wie der Waldbach hinter Opas Scheune. Sanft. Aber verlässlich. Auch in den heißesten Sommern trocknete er nie aus. Er belebte immer.

Schlafe, blue bird, ich ziehe mein nachthemd aus, zieh du auch deines aus, blue bird, aber jetzt schlafe

12. Juni

Warum sind wir uns heute auch in der Früh begegnet? Sonst verlässt er ja immer früher das Haus. Sein dunkles längeres Haar war noch feucht. Irgendwie sah er verwegen aus. Sanft, aber auch verwegen. Aufsperren. In den Spiegel schauen. Siehst du auch verwegen aus, blue sky? Bist du verwegen? Schuhe ausziehen, Spanner hineingeben und ins Regal stellen. Jacke ausziehen, auf den Bügel geben und aufhängen. Laptop starten. Ob es Zeit für ein Backup ist?

Na ja, vielleicht hat er geschrieben. Zum ersten Mal kein eigenes. Novalis. Etwas verstaubt.

Du hast in mir den edlen Trieb erregt/ tief ins Gemüt der weiten Welt zu schauen;/ mit deiner Hand ergriff mich ein Vertrauen,/ das sicher mich durch alle Stürme trägt.

Ziemlich aufgetragen, für ausgeleierte Verse.

Dir auch eine gute Nacht, blue bird.

Jetzt schreiben wir uns drei Monate. Wenn du nur wie der neue Nachbar wärst. Vielleicht bist du wie er. Mittelgroß, dunkles längeres Haar, sanft und fest verwurzelt. Verlässlich wie Opas Waldbach. Manchmal errichtete ich einen Damm. Dem Bach schien das nichts auszumachen. Er floss weiter. Und mit der Zeit nahm er meinen Damm einfach mit sich. Ohne Gewalt. Nur mit seiner Verlässlichkeit. Ob der neue Nachbar auch dichtet? Seine Stimme schmeichelt jedenfalls. Ihr Rezitieren fesselt sicher. Wo bist du, blue bird. Und vor allem, wer bist du? Gute Nacht, blue bird.

12. Juli

Da vorne geht ja der neue Nachbar. So neu ist er auch wieder nicht. Wie er wohl heißt? Auf seiner Tür steht kein Name. Er räumt gerade die Post aus.

„Hallo“

„Hallo“

„Braun gebrannt? Das muss ein schöner Urlaub gewesen sein.“

„Schön aber kurz. Das Wetter war wirklich schön.“

„Darf ich frage wo?“

„Nichts besonderes, nur eine Radtour im Süden.“

„Das klingt aber schon nach etwas Besonderem.“

„Wenn Inselspringen in der Ägäis etwas Besonderes ist.“

„Das hört sich anstrengend an.“

„Ich bin nicht ehrgeizig. Meine Urlaube plane ich nicht nach Meter und Minuten. Die lass ich einfach geschehen.“

„Also kein Sportfanatiker?“

„Eher bescheiden. So lange es halt Spaß macht. Lieber liege ich im Schatten und denke mir Gedichte aus.“

„Schreiben Sie sie auch nieder?“

„Manchmal. Wenn ich jemand finde, der sie liest. Einen Gedichtband würde ich nie schreiben. So besonders sind sie nicht.“

„Ich würde trotzdem gerne eines lesen.“

„Um mich auszulachen?“

„Dafür kenne ich Sie zu wenig.“

„Aber ich kenne meine Gedichte dafür gut genug.“

„Wir kennen uns doch überhaupt nicht. Ich kenne nicht einmal Ihren Namen. Ich würde also die Gedichte eines Unbekannten lesen.“

„Das klingt direkt verlockend.“

„Ich lache sicher nicht. Ich lasse Sie auch eines meiner Gedichte lesen.“

„Das klingt fair.“

„Und wie komme ich zu ihren Gedichten.“

„Einige, die ich einer sehr lieben Person geschrieben habe, die mich aber leider nie sehen wollte, habe ich ins Internet gestellt. Sie finden sie – vereint mit den Antworten zu einem Ganzen – unter bluebird-an-bluesky.com“

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