Ex-Heimkinder Demonstration vor dem Rathaus 29.03.2016

Heimkinder Anerkennung
Heimkinder Anerkennung 1

Frühere Demo
Frühere Demo

 

Unter enormer Nicht-Beachtung fand am 18.12.2015 eine Kundgebung einiger Ex-Heimkinder statt.

Ein Teilnehmer erklärte die Aktion mit, „wir sind hier, weil sonst niemand darauf aufmerksam macht.“ Und dieses „Darauf“ ist es mM wert, nicht vergessen zu werden; oder besser gesagt – bevor es vergessen werden kann – erst einmal in seiner gesamten Misere publiziert zu werden. „Während heute Alleinerziehen fast ein Beruf ist, war das damals eine Schande,“ erzählt ein Teilnehmer. Seine Mutter wäre von der Fürsorge erpresst worden: Entweder sie „unterschreibt“ oder sie nehmen ihr das Kind gleich weg, und sie sieht es nie wieder. Noch heute mache sich die Mutter Vorwürfe, ihr Kind, das heute selbst Kinder und sogar Enkeln hat, „weggegeben“ zu haben. Denn auch trotz Unterschrift war das Kind weg. Oder gerade deswegen!

Heim bedeutete mehr als die temporäre Trennung von der Familie, vom bisherigen Leben. Heim bedeutete eine lebenslange Stigmatisierung. Mit der Familie war Schluss. Die Kontakte beschränkten sich auf Besuche. Mit den Freunden war Schluss. Die wollten meist nichts mehr von einem wissen. Mit der Hauptschule war Schluss. Heimkinder wurden in Sonderschulen unterrichtet. Ohne Befundung. Erzieherinnen und Erzieher waren meist Quereinsteiger ohne jede Ausbildung.

Die Stigmatisierung blieb auch nach dem „Heim“. Fehlte ein Werkzeug in der Lehre: „Heimzögling, wo hast das, gibs her“. Wurde der Lohn nicht oder nicht in voller Höhe ausbezahlt: „Heimzögling, geh dich beschweren. Von mir kannst a Watschen kannst haben.“

Es gab weitaus schlimmere Anreden für ein Heimkind. Aber das Schlimmste war, dass „Heimkind“ selbst zum Schimpfwort wurde. Wie Neger. Als Heimkind wurde, war und blieb man ein Kind minderer Qualität. Kleinen Kindern, die gerade die Welt kennenlernten, wurde brutal ein Unwert-Gefühl eingetrichtert. Sie waren eine „Belastung für die Gesellschaft“. Sie waren „asoziale Elemente“. Ein Teilnehmer rezitiert ohne nähere Erklärung: „Deine Mutter ist wegen dir gestorben.“ Sie waren „lebensunwert“. „Die Fürsorge hat nie die Nazi-Vergangenheit aufgearbeitet. Unsere Heimleiterin hatte sogar 16 oder 18 Monate, über ein Jahr halt, Berufsverbot. Wegen Wiederbetätigung.“ Tatsächlich legen Akte vor, aus denen hervorgeht, dass die Fürsorge eine rigorose Aufarbeitung ihrer Nazi-Vergangenheit unterlasse bzw. sogar hintertreibe. Manche Heimleiter, die dem Führer Treue geschworen hatten, führten auch nach 1945 Heinkinder. Mit Zucht und Ordnung. Dabei sei es schwer, an Akte zu kommen. „Wir werden im Kreis geschickt. Nach dem Gesetz müssten die Akte noch aufbewahrt werden. Wir bekommen aber keine Einsicht.“ Trotzdem könnten mittlerweile einige Tatsachen belegt werden. So sagt ein Teilnehmer:„Unser Heim wurde einmal kontrolliert. Von 27 Voraussetzungen, ein Heim zu führen, waren 23 nicht erfüllt.“ Da fallen andere, die auch in diesem Heim waren, sofort ein: „Unser Wasser war verseucht. Von den Neun, die wir noch Kontakt haben, wurde Vier ein Teil des Darms herausgeschnitten. Helicobacter pylori.“2010 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen den Anspruch auf sauberes, trinkbares Wasser in einer Resolution als Menschenrecht festgeschrieben. Aber schon viel früher, auch in der Zeit, in der Heimkinder neun Jahre lang verseuchtes Wasser trinken mussten, baute die österreichische Regierung Brunnen in Entwicklungsländern, weil dort die korrupten Verwaltungen und unzureichenden Marktstrukturen zu einer Vernachlässigung der ländlichen Räume geführt hätten. In einem Heim soll es für 104 Kinder 4 WC und 4 Waschbecken gegeben haben: „In der Früh standen wir zu 14 in einer Reihe an. Da hattest du keine Zeit zum Zähneputzen. Zwischen 07.00 und 08.00 Uhr musstest du dein Bett ordentlich gemacht und gefrühstückt haben, gewaschen und auf dem Klo gewesen sein. Wenn du klein warst und Pech hattest, bekamst du kein Brot mehr. In der Nacht waren die WC abgesperrt. Auch Wasser gab es keines. Wir pinkelten halt aus dem Fenster. Es stank sowieso immer im Zimmer. Wir schliefen zu 16 auf 20 m².“ Ab jetzt komme ich nicht mehr mit dem Mitschreiben nach. Die medizinische Versorgung habe in den Händen eines ehemaligen NS-Arztes, dem die Pflegestufe 4 zuerkannt gewesen war, gelegen. Schlimm wären die Petroleum-Wickeln gegen Läuse gewesen. Wenn sich kleine Kinder dagegen gewehrt hätten, wären sie mit Valium niedergespritzt worden. In Eggenburg () gebe es 151 Heimkindergräber auf dem Friedhof. In Eggenburg hatte ich Ende des vorigen Jahrhunderts auch meine erste Begegnung mit einem „Ex-Heimkind“. Ein Mann fotografierte die alten Gebäuden des ehemaligen Kinderheimes. Auf eine etwas seltsame Art. Irgendwie schien er schwer mit sich zu ringen. Wir kamen in ein Gespräch und er machte für mich (ich glaube in Wahrheit für sich selbst) eine Führung durch das Gelände. Vor einem Gebäude blieb er stehen und starrt lange auf Fenster im 1. Stock. Dann brach es plötzlich aus ihm heraus: „Dort fanden die Sonderbehandlungen statt.“ Ganz schlau wurde ich aus seinen Worten nicht. Das dürfte aber nicht an mir gelegen haben: „Ich habe noch darüber gesprochen. Nicht einmal meiner Frau weiß davon.“

Die Gespräche bekamen eine Wendung, als nach dem Warum gefragt wurde. In Wimmersdorf sollen 104 Heimkinder untergebracht gewesen sein. Eine gewerbliche Bewilligung hätte aber nur für ein Fuhrwerkunternehmen mit vier Stellplätzen vorgelegen. Von 1962 bis 1981 soll die Betreiberin ATS 200 Millionen Umsatz gemacht haben. Als wir schnell nachrechnen (104 Kinder x durchschnittlich ATS 230,– Taggeld x 365 Tage x 19 Jahre) kommen wir auf ATS 165.885.200 Millionen. Für ein Fuhrwerksunternehmen mit vier Stellplätzen ein beachtlicher Umsatz.

Die Dunkelziffer der Heimkinder, die es „nicht schafften“ soll extrem hoch sein. Mangels Mitwirkens der Behörden sei die Höhe der humanen Drop-out-Rate aber nur im Schätzungswege zu ermitteln. Jene, die heute als Großmütter oder Großväter gegen die Verbrechen von gestern auftreten, seien die Minderheit. Die Ausnahmen. „Ex-Heimkind“ bedeute nicht nur den Verlust des eigenen Lebens, sondern würde oftmals auch eine unbeschwerte, eine normale Entwicklung der nächsten Generationen beeinträchtigen. Natürlich hätte man auch gelebt. Später. Als man groß war. Das Heim verdrängen konnte. Da fuhr man zum Beispiel mit dem Motorrad durch die Wüste, oder durch Nepal, oder auf Java herum. Alleine. Da sah man oft tagelang keinen Menschen. Vor allem in der Wüste. Nur die Sterne. Mit Menschen hätte man es nicht so. Man hätte sich aber auch etwas geschaffen. Als Hilfsarbeiter war das halt schwer. Für eine Kommission hätte man einmal einen Intelligenztest machen müssen. 134 hatte man. Aber dafür sei es nun zu spät. Aber die Kinder wären versorgt. Manchmal, wenn man alleine mit den Enkeln ist, heult man. Dann kommen die Tränen. Die Enkel stört das nicht, die sind noch zu klein, und vor anderen hält man sich eh zurück. Aber es ist so unglaublich, so wunderbar. Kinder, die in einer Familie aufwachsen. Für die Heim ihr Zuhause, ihre Familie, Liebe und Geborgenheit ist.

Eine kurze Unterbrechung tritt beim Vorbeigehen des Stadtrates für Kultur und Wissenschaft ein. Aber nur kurz. Zu fremd dürften sich die beiden Welten sein. Dann wird es dunkel. Im Rathaus gehen die Lichter an. Das Zelt auf der Straße ist nicht beleuchtet und muss abgebaut werden. Irgendwie fühle ich, die meisten sind froh, die kurz hervorgeholte Vergangenheit wieder verdrängen zu dürfen. Irgendwie bin auch ich froh, dieser Vergangenheit, der ich als Kind mit Glück entflohen war, nun auch als Erwachsener zu entfliehen. Irgendwie verunsichert mich die Gesellschaft der Ex-Heimkinder. Einerseits sind ihre Regeln klar: du spurst oder du spurst nicht! Andererseits bleibt so Vieles unausgesprochen. Fast wie in einem Geheimbund. Nur tiefer vergraben. Wie in einem Geheimbund, der Geheimnisse nicht nur gegenüber Dritte, sondern auch gegen sich selbst bedingt. Ich versuche mich ohne Erfolg kurz wichtig zu machen: „Ich hatte ja das Glück, in einer Familie aufzuwachsen. Aber niemand soll sagen, das war damals nicht bekannt. Die Drohung, wenn du nicht brav bist, kommt die Fürsorge, war bekannt. … Vor dem Rathaus ist der Christkindlmarkt.“ Nein, danke, kein Interesse, wir fahren nach Hause. Kein Christkindlmarkt, keine Lichter.

Denn die einen sind im Dunkeln
und die andern sind im Licht
und man siehet die im Lichte
die im Dunkeln sieht man nicht.

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