Februar 2016, Wien, Säugling verdurstet

Leichtsinnig oder fahrlässig?

Googelt man „mutter kind drogen jugendamt tot“, erhält man in Sekundenbruchteilen zigtausende Vorschläge. Die meisten Interneteinträge handeln von Kindern, die trotz amtsbekannter Drogensucht der Mutter bei ihr blieben, und zu ihrer Sicherheit durch Jugendämter intensiv betreut wurden, letztendlich aber Schaden nahmen. Manche „Fälle“, wobei Fall oft für den Tod eines Kindes steht, sorgen für kurzfristige Turbulenzen. Bekannt – aber in der Zwischenzeit schon wieder vergessen – wurde der „Fall“ Chantal. Hier musste das Jugendamt Aktenfälschung zugeben. Hier traten Funktionsträger zurück. Hier gingen die Wogen hoch. Aber auch dieser „Fall“ verschwand in Geschichte.

Der jüngste Todesfall

Hier wird ein Fall dargestellt, der nicht vergessen werden kann, weil er nicht einmal zur Kenntnis genommen wurde.

Als Sucht oder Abhängigkeit wird das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand bezeichnet, dem alles andere untergeordnet wird. Süchtige haben keinen eigenen Willen mehr. Die Sucht zerstört ihre Persönlichkeit und ihre sozialen Bindungen. Sucht ist stärker als Mutterliebe. Daher sollte man meinen, Jugendämter würden Kinder, die in der Obhut einer drogensüchtigen Person bleiben, besonders aufmerksam beobachten und beschützen.

So wie immer, wenn „etwas schief ging“, werden Informationen zurückgehalten: „Im Interesse der Betroffenen“, auch wenn beide starben. Oder weil beide starben? Der „Fall“ wurde 14 Tage lang geheim gehalten. Hier unterließ auch die Polizei, die Öffentlichkeit zu informieren.

An Fakten wurde bisher nur bekannt:

sterbehaus

Die Mutter war drogensüchtig. Das Jugendamt wusste davon. Am 2. Februar hätte die Mutter zu einer Elternberatung kommen sollen. Sie kam nicht. Alle folgenden telefonischen und persönlichen Kotaktversuche blieben erfolglos. Wie viele stattgefunden haben, bleibt Amtsgeheimnis. Schließlich gilt es, die Privatsphäre der Betroffenen, auch wenn diese tot sind, zu schützen.

Da die Mutter immer kooperiert hätte, hätte das Jugendamt keinen Grund, tätig zu werden, gesehen. Der Bruder der Verstorbenen sah das anders. Auf sein Betreiben wurde am 14. Februar die Wohnung aufgesperrt.

Mutter und Kind waren tot. Das Kind war verdurstet und verhungert! Der Todeszeitpunkt bleibt ein Amtsgeheimnis.

Alles richtig gemacht:

Die MA 11 reagierte in der bekannten Weise auf das Bekanntwerden des „Unfalls“: Man hätte alles richtig gemacht. Man hätte das Vier-Augen-Prinzip eingehalten, man hätte sich an alle Vorschriften des Handbuchs gehalten …

Konsequenzen:

Konsequenzen sind keine zu erwarten.

Verfassung:

Unsere Verfassung teilte die Aufgaben in Bundes- und Landesangelegenheiten in einer Zeit auf, in der eine Familie Standard war, die es schon lange nicht mehr gibt. Warum leisten wir uns noch immer neun Landesbehörden statt einer Bundesbehörde? Hier brächte die seit Jahrzehnten angekündigte Verwaltungsreform doppelten Gewinn: Einsparung und Effizienz. Können Landesbehörden überhaupt die schwierige Aufgabe des Kindes- und Jugendschutzes noch stemmen? Besteht hier nicht die Gefahr, dass Landesfürsten versuchen, über Postenbesetzungen Einfluss zu erlangen und zu bewahren? Wird hier Parteiideologie nicht über das immer zitierte Kindeswohl gesetzt? Natürlich blüht auch in Bundesbehörden der vorauseilende Gehorsam. Aber eine Bundesbehörde würde eine einheitliche und bessere Ausbildung garantieren. Eine Bundebehörde würde der derzeitigen Farce eines Instanzenzugs ein Ende setzen. Eine Bundesbehörde würde die parteipolitischen Scheuklappen verkleinern. Die MA 11 ist zwar die Zentrale aller Jugendämter in Wien, wer aber glaubt, dass eine qualifizierte Beschwerde über ein Jugendamt von der MA 11 wertfrei behandelt werden würde, der glaubt auch, dass ihm der Osterhase zu Weihnachten süße Hanukkah Cookies bringt. Ähnlich wie in Wien sind auch die Jugendwohlfahrtseinrichtungen der anderen Bundeländer durch die jeweilige Landesregierungen stark geprägt.

Es fehlt auch eine Ministerverantwortlichkeit. Als ein Häftling von Mitgefangenen mit einem Besenstil sexuell missbraucht wurde, stand der Rücktritt der Justizministerin im Raum. Als der Bürgermeister von Graz alle Wohngemeinschaften der Jugendämter schließen musste, weil dies die letzte und einzige Möglichkeit, den fortwährenden sexuellen Missbrauch in diesen Einrichtungen zu beenden, war, forderte die Sprecherin der Jugendämter öffentlich Verständnis für die sexuellen Missbräuche ein, weil Wohngemeinschaften der Jugendämter schließlich kein Gefängnis seien.

Verhältnis Behörde-Bürger:

Selten ist gegenseitiges Misstrauen derart massiv wie zwischen der Jugendwohlfahrt und den Beamtshandelten. Eine freundliche, nette, hilfsbereite Sozialarbeiterin, die zwischen Staat und Volk, zwischen dem Unvermeidlichen und dem persönlich Leidvollen, vermittelt, ist nahezu undenkbar. Nicht Gesetze selbst bestimmen ihre Anwendung, sondern die Gerichte und Behörden. Junge Mitarbeiterinnen übernehmen automatisch die Einstellung der älteren. Hier müsste eine bundeseinheitliche Aus- und Fortbildung lokale Eigenheiten ausmerzen.

Gerade die Aufgabe der Jugendwohlfahrt erfordert ein enges Miteinander. Das heute gepflegte Gegeneinander schadet den Schutzbefohlenen.

In manchen Vorworten findet man sie noch, die behördliche Überheblichkeit: Gerade die Kreise, die auf die Jugendwohlfahrt angewiesen sind, meiden sie… Aber auch die andere, die gegnerische Seite, die behördlich Betreuten, wissen meist nur Schlechtes über die Jugendwohlfahrt zu berichten. Im Laufe der Jahrzehnte entstand ein Kalter Krieg. Nicht das Kindeswohl, der eigene Sieg wurde entscheidend. Egal, wie viele Kinder auf der Strecke bleiben. Die Jugendämter haben sich so hoch über die Beamtshandelten gestellt, dass jede Kommunikation ausgeschaltet wurde. Es gibt kein Diskutieren. Es gibt kein Beweisen. Eine Leiterin eines Jugendamtes erklärte mir einmal: „Wenn man so lange wie ich den Job macht, braucht man keine Beweise. Dann weiß man, wie der Hase läuft.“ Recht zu behalten wurde wichtiger als Kindeswohl.

Westbahnhof:

Das Sterbehaus befindet sich beim Westbahnhof. Der Westbahnhof wurde in der Zeit, als auf Mutter und Säugling vergessen wurde, ein Ort der Nächstenliebe. Zahlreiche freiwillige Helferinnen verteilten unzählige Hilfsgüter an Flüchtlinge. Mutter und Säugling wurden von dieser Woge der Hilfsbereitschaft nicht getragen, wenn sie das Haus verließen, sie wurden von ihr hinweggespült. Wie Treibgut. Sie passten nicht in das Schema der offiziellen Bedürftigkeit. Sie litten eine Not, die es nicht gibt, weil es sie nicht darf. Die Stadt hat kein Drogenproblem. Die Stadt hat keine Probleme mit der Jugendwohlfahrt. Die Stadt hat keine Probleme. Die Stadt löst sogar Probleme anderer.

Es ist unbestritten, dass ohne Hilfe der privaten Helfer das Flüchtlingsproblem nicht bewältigt werden hätte können.

Warum verwehrt die Jugendwohlfahrt privaten Helferinnen zu helfen?

Die Jugendwohlfahrt stieß bereits an ihre Grenzen. Statt auf Durchhalteparolen zu setzen und mit einem neuen Leitfaden den Endsieg zu beschwören, sollte jede Hilfe dankbar angenommen werden. Einen Säugling vor dem Verdursten zu retten, bedarf keiner besonderen Schulung. Keines Leitfadens.

Vorschläge:

Hier soll kein Schlag-das-Jugendamt zelebriert werden. Hier sollen Grundsatzfragen angedacht werden:

1) Akteneinsicht für alle Beteiligten

2) Führen interner Statistiken über zu Schaden gekommene Kinder, die betreut wurden, und eine jährliche anonymisierte Veröffentlichung derselben.

3) Eine Offenlegung der eigenen Grenzen gegenüber der Politik.

4) Einberufen von Evaluierungskommissionen unter Bürgerbeteiligung.

5) Führen interner Statistiken über Beschwerde der einzelnen Jugendämter.

6) Konzentration auf die Kernthemen des Kinder- und Jugendschutzes. Kriminalpolizeiliche Arbeit muss ausschließlich der Polizei überlassen werden. Keine Kindesabnahmen oder sonstige Zwangsmaßnahmen ohne richterliche Anordnung.

Die Entwicklung der Jugendwohlfahrt muss in Richtung mehr Transparenz und weniger Abschotung gehen. Die Aufzählung versteht sich als eine demonstrative.

 

Derzeit ist die Politik noch nicht bereit, über Änderungen der Jugendwohlfahrt auch nur nachzudenken.

NACHTRAG, Februar 2017

Vor einem Jahr starben Mutter und Säugling. Beide wurden vom Jugendamt betreut. Sie starben in Sichtweite des Jugendamtes. Sie starben in Sichtweite des Wiener Westbahnhofs, wo die größte Willkommensfeier seit der Rückkehr aus russischer Gefangenschaft gefeiert wurde.
Lange wurde der „Fall“ geheim“ gehalten.
Und schnell wurde er wieder vergessen.
Die Mutter war ein Opfer der Neuen Ordnung: Go West Young Girl.
Sie machte Karriere. Auch auf Kosten ihrer Identität.
„Dir steht die Welt offen! Nimm sie dir!!“
Aber wenn du sie dir wirklich nimmst, wie sie dir angeboten dann, dann wollen wir dich nicht mehr. Dann schau, wo du bleibst.
Vor einem Jahr sprach ich mit einigen Parteien ihres Hauses: Alle wussten Bescheid. Alle fanden es schrecklich. Alle meinten, mit so was hatte gerechnet werden müssen. Alle meinten, man hätte ihr helfen müssen.

Nur das Jugendamt, das sah keine Gefährdung. Weder eine der Mutter und schon gar keine des Säuglings.
Das dachte, die Mutter sei möglicherweise auf Besuch zu ihren Eltern gefahren.
Ihre Eltern sollen aber im selben Haus gewohnt haben. Sich aber nicht gekümmert haben. Anker für die Mutter soll nur die Oma gewesen sein. Na ja. Man kann sich nicht um alles kümmern. Jetzt gibt`s eh schon das Vier-Augen-Prinzip. Mehr kann man nicht machen.

Gestern befragte ich wieder einige Parteien: Tote? Säugling? Verdurstet? Ach ja, jetzt fällt es wieder ein, da war was. Auf der 2er Stiege. Oder auf der 4er? Na ja, irgendwo da halt. Ja, eine Mutter. Und ihr Säugling. Schrecklich. Schrecklich. Diese Jugend. Keine Verantwortung.

Österreich ist ein christlich geprägtes Land, in dem jeder etwas mit, Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. … Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan, anfangen kann.

Der Politik scheint es aber wichtiger zu sein, künftig Was ihr für einen meiner geringsten Brüder und eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. … Was ihr für einen dieser Geringsten oder eine dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan, zu sagen, als auch tatsächlich etwas zu tun.

Jugendschutz ist aber keine Frage des Glaubens. Jugendschutz ist eine weltliche Angelegenheit. Der Staat (d.h. wir Steuerzahler) gibt viel für Jugendschutz aus. Und hier beginnt wieder das Glauben: Viele glauben, die Jugendämter sind nicht mehr reformierbar. Reformen würden wieder nur in einer Neubenennung stecken bleiben. Aus der Fürsorge wurden die Jugendämter. Es hilft nichts, wenn nun aus den Jugendämter „Sozialzentren“ oder was auch immer würde.

Wir – das heißt vor die allem die Betroffenen – brauchen eine einheitliche Bundesbehörde, in der ein neuer Geist herrscht: Jugendwohlfahrt ist kein Selbstzweck, sondern die längst überfällige Antwort des Staates auf den Zerfall der Familie.

Wenn Kelsen die gesellschaftliche Entwicklung vorausgeahnt hätte, wäre der Jugendschutz möglicherweise nicht wie die Bauordnung unter den weniger wichtigen Themen eingereiht worden. Kelsen starb erst 1973. Es wäre interessant gewesen, seine Meinung über Österreichs Realverfassung zu hören. Aber Kelsen musste selbst fliehen. Vor Verfassung und Gerichten.

Wer heute Nazi schreit, sollte bedenken, dass ohne Gerichte, ohne Behörden die „Nazis“ als asoziale Spinner behandelt werden hätten können. Erst durch die Hilfe der Gerichte und Behörden wurden die „Nazis“ zu dem Vernichtungsmechanismus, der noch heute schockiert.

Die 68er Bewegung wird heute vielmals gerügt.

Eines könnten wir uns aber von ihr abschneiden: Die Skepsis, dass nicht alles, was von oben kommt, richtig sein muss, und zweitens die Überzeugung, dass gegen das, was nicht richtig von oben kommt, etwas unternommen werden muss – und kann.

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