Mali-Tant und Pepi-Onkel

Eine der angenehmen Nebeneffekte eines Auslandsaufenthaltes ist die Möglichkeit, abschalten zu können, auch wenn man öffentlich unterwegs ist. Je vertrauter eine Sprache ist, desto schwieriger wird das Abschalten, das bewusste Weghören.
Wieder in Österreich werde ich regelmäßig in akustische Geiselhaft genommen. Amerikanische Wissenschaftler der University of Nebraska-Lincoln konnten nachweisen, dass akustische Geiseln vor dem Stockholm-Syndrom gefeit sind: Akustische Geiseln fraternisieren sich nie mit ihren Geiselnehmern; sie hassen sie.
Und tatsächlich, wie oft habe ich als sekkierte Geisel in der Bahn oder im Bus schon bedauert, nie zum Sikhismus konvertiert zu sein, als ich vergeblich meinen Kirpan suchte. Kein Gericht würde mich des Mordes schuldig sprechen, nicht einmal eines Totschlags. Jedes Gericht würde mir Notwehr zuerkennen und mich freisprechen: Bonnie und Clyde wüteten nur einige Monate und hinterließen „nur“ 14 Tote. Die Mali-Pepi-Gang scheint so alt wie die Menschheit, und  ihre Opfer sind unzählbar. Eine der häufigsten Ursachen für Selbstmord ist das MP-Syndrom, das Mali-Pepi-Syndrom.
Meine ungewollten Recherchen ergaben:
Mali-Tant und Pepi-Onkel haben sich in der schweren Zeit der Depression kennengelernt. Während Zeitzeugen in der Linie 52 am 12.3.2008 darauf schworen, dass es an einem Dienstag im Mai geschah, waren Zeitzeugen in der U 4 am 24.7.2011 sicher, Mali-Tant und Pepi-Onkel hätten sich an einem Mittwoch  kennengelernt. Wahrscheinlich im September. Möglicherweise aber auch im August. Über die näheren Umstände des Kennenlernens existieren mehrere Versionen. Während Zeitzeugen in der Bahn eher der Meinung sind, der Ort der ersten Begegnung war eine zufällige Begegnung im Wienerwald, wo beide unabhängig voneinander Holz sammelten, ist der Großteil der Busbenützerinnen überzeugt, dass die Mali-Tant im Rahmen ihres Berufs als Telefonvermittlerin zuerst fernmündlichen Verkehr mit dem Pepi-Onkel pflegte, und sich erst im Laufe der Zeit eine gedeihliche Affinität zwischen den beiden ergab. Und zwar an einem Donnerstag im Jänner. Oder auch im Oktober. An einem Sonntag. Es war auf jeden Fall kalt. Aber nicht eisig. Daher käme auch der Juni in Frage.
Wirklich Licht ins Dunkel brachte eine Bahnfahrt von Wien nach Salzburg. Durch Zufall (oder als Strafe Gottes?) saß ich in einem Abteil mit drei wahren Mali-Pepi-Expertinnen. Diese konnten tiefere Einsichten vermitteln. Ich erfuhr zum Beispiel, dass dem Wort der Mali-Tant immer vertraut hatte werden können. Als Schütze konnte sie gar nicht lügen. Der Pepi-Onkel aber, der war ja Stier. Oder auch Widder. Das mit dem Aszendenten, das habe ich nicht so recht verstanden. Und fragen traute ich mich nicht. Zu diesem Zeitpunkt traute ich mir selbst nicht mehr. Das heißt, eigentlich traute ich ab Linz alles zu. Egal, sowohl als Stier, als auch als Widder war der Pepi-Onkel ein notorischer Lügner. Nicht zuletzt darum hatte es die Mali-Tant so schwer. Aber die war ja noch vom alten Schlag. Die konnte noch. Ab Wels hätten mich auch alle können.
Mittlerweile bin ich selbst ein Mali-Pepi-Experte und könnte ein Buch über sie schreiben. Allerdings soll auch schon Georg Markus an der Sache dran sein. Der hat sicher die besseren Anwälte. Da lasse ich mich lieber auf keinen Urheberstreit ein.
Daher überlasse ich Sie der Freude, selbst zu recherchieren. Nichts im Fernsehen? Fahren sie U-Bahn. Neues über die Österreich-Ewings wird auch Sie das Gruseln lernen.

Und wenn Sie abgebrüht geworden sind und Mali-Tant und Pepi-Onkel Sie kalt lassen, dann besteht in Zeiten des Segens der Kommunikation die mit an Gewissheit grenzende Wahrscheinlichkeit, dass sie am Leben eines Handy-E(n)kels der beiden teilnehmen dürfen:
“ …. ja, … i bins, ja, i, na ned der Achmed, i bins… ja, i kumm jetzt … in 5 Minuten … na, jetzt wirds grad rot, des dauert noch … aber es blinkt eh schon, … ja in 5 Minuten, …. na, des red man dann, wenn i kumm,… i wollt dir nur sagn, dass i jetzt net reden kann … “

Wie vermisse ich die Busfahrten im fernen Kerala, Indien, wo schon ein Stehplatz Luxus sein kann, aber wo alle wunderschön – und für mich gänzlich unverständlich – zwitschern.
Wie Mali-Tant und Pepi-Onkel wohl auf Malayalam heißen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*