SelbstMORD oder FREItod? Oder Suizid?

 

Das folgende Interview wurde unter folgenden Bedingungen geführt:

Die Identität muss gewahrt werden, sogar das Geschlecht muss durch die abwechselnde Verwendung der weiblichen und männlichen Form verschleiert werden. Es war ein bisschen wie in einem Krimi: Keine Namen, „ich rufe Sie an“, keine Fotos! Treffpunkt war der Waldfriedhof „Wald der Ewigkeit“ in Mauerbach bei Wien. Wir kommen und gehen getrennt. Zur Dämmerung …

Teil 1

KaSchmäh: Ich hätte nicht gedacht, dass unter diesen Umständen ein Interview zustande kommt. Sind die Vorsichtsmaßnahmen nicht etwas übertrieben?

NN: Für mich nicht.

KaSchmäh: Vor wem oder was müssen Sie sich schützen?

NN: Wollen Sie nur über die Form oder auch über den Inhalt reden?

KaSchmäh: Natürlich um den Inhalt, denn …

NN: … sonst ist das Gespräch für mich beendet.

KaSchmäh: Gut. Wie Sie wollen. Warum wollen Sie sich umbringen?

NN: Warum wollen Sie das Interview machen?

KaSchmäh: Weil ich finde, dieses Thema muss publiziert werden.

NN: Vielleicht finde ich auch, dass dieses Thema „publiziert“ werden muss.

KaSchmäh: Mit Aggression werden wir nicht weiterkommen.

NN: Ich bin nicht aggressiv, ich bin ungeduldig. Wäre ich aggressiv, würde ich vielleicht Amok laufen.

KaSchmäh: Das verstehe ich nicht. Sie sagen, Sie seien ungeduldig und wollen doch selbst ihre Zeit abkürzen.

NN: Es geht nicht ums Wollen. Vielleicht – auf ihre Frage am Telefon zurückzukommen – wäre die Bezeichnung Selbstmord passender als Freitod. Niemand steht in der Früh auf und sagt, Scheißwetter und Waschtag ist außerdem. Da bringe ich besser gleich um. Ich glaube, Selbstmord ist letztendlich eine Abrechnung mit seinem eigenen Unvermögen.

Grundsätzlich glaube ich aber, so wie es nicht DIE Depression gibt, gibt es auch nicht DEN Selbstmord. Diese Schubladisierung haben nur die Ärzte erfunden, um etwas, das sie nicht begreifen, erklären und lehren zu können. Es gibt Selbstmörder, die spontan handeln, und es gibt Selbstmörder, die ihr Ableben lange, oft über Jahre, planen. Selbstmord ist grundsätzlich eine Gestaltung seines Lebens, wie beispielsweise das Bestimmen des Zeitpunkts, die Pensionierung anzutreten, zu heiraten oder eine Beziehung zu beenden.

Ka Schmäh: Das klingt so alltäglich, so gewöhnlich. Dabei gilt Selbstmord als eine Art psychische Erkrankung.

NN: Die Natur ist immer auf Erhaltung und Fortbestand ausgerichtet. Es ist daher nur natürlich, dass die Gesellschaft jedem künstlichen Ende eines Lebens entgegenwirken möchte. So erklärt sich auch die Bereitschaft, das Jammertal im Diesseits zu erdulden, um im Jenseits belohnt zu werden. Einen Job auszuhalten, um die Pension zu genießen. Gerade bei Selbstmordattentäter sieht man aber die Steuerung durch die Gesellschaft. Hier ist der Selbstmord etwas Erstrebenswertes, das sogar reich belohnt wird. Im Jenseits. Im christlichen Mittelalter brauchte der Gutsherr seine Leibeigenen, die ihn und die Seinen mit Luxus versorgten und sogar Alleen pflanzen mussten, damit er auch während der sommerlichen Hitze kühl im Schatten reisen konnte. Es ist immer eine Ansichtssache.

KaSchmäh: Was meinen Sie mit Ansichtssache?

NN: Ob Selbstmord richtig oder falsch ist. Es gibt keinen Samuraifilm, der nicht mit Seppuku oder Harakiri, wir wie sagen, endet. Seit einigen Jahrzehnten spricht die „Wissenschaft“ von einem Werther-Effekt. Für mich bedeutet das, dass der Wille, sich das „Leben zu nehmen“ latent vorhanden ist, und nur durch gesellschaftliche Regeln unterbunden werden soll. So lange auch die Belastungen an die gesellschaftlichen Regeln gebunden bleiben, wird niemand Selbstmord verüben, da jeder auf Weitermachen getrimmt ist. Erst wenn die Gesellschaft einem über diese Regeln hinaus Belastungen aufbürdet, werden andere Auswege gesucht. Diese können zu Aggression gegen außen oder gegen innen führen. Manchmal gegen außen und innen.

KaSchmäh: Sie betonten „Leben zu nehmen“ so seltsam. Was wollten Sie damit sagen.

NN: Dass sich in der Regel kein Selbstmörder das Leben nimmt, sondern dass er nur das beendet, was sein Umfeld begonnen und erfolgreich ausführt hat.

KaSchmäh: Wer hat bei Ihnen begonnen und erfolgreich ausgeführt? Und vor allem, was wurde begonnen und ausgeführt.

NN: Der Staat. Die Gerichte. (Pause) Das klingt so dramatisch. Den Staat gibt es nicht, und es haben sich auch nicht alle Gerichte vereinigt, um mich in den Tod zu treiben. Der größte Fehler ist meiner Erfahrung nach das Verallgemeinern. DER Staat und DIE Gerichte sind zu allgemein, um als Schuldige erkennbar zu werden. Vielmehr bietet jedes funktionierende System den einzelnen Akteuren Zeit und Raum, Aktionen nach Belieben zu setzten, sofern diese dem Sinn des Systems folgen. Einzelne Akteure handeln schuldhaft. Das ist meist objektiv zu erkennen. Aber weil sich jedes System schützt, werden auch die Akteure geschützt. Insbesondere, wenn diese Akteure gegen Querdenker, alias Querulanten, vorgehen.

Ka Schmäh: Sie finden, der österreichische Staat und die österreichischen Gerichte sind Systeme, die ihre Organe dazu anhalten, Menschen in den Selbstmord zu treiben?

NN: Das ist der Grund, warum Selbstmörder keine Interviews geben. Gerade in der Zeit, in der für sie alles auf dem Spiel steht, kommen irgendwelche Deppen daher, stellen blöde Fragen und geben noch blödere Ratschläge: „Aufgegeben wird nur ein Brief.“ „Nichts wird so heiß gegessen, wie gekocht.“ „Hast du dir das auch gut überlegt?“ Niemand, oder nur die Wenigstens, lassen sich wirklich ein und fragen, was ist los. Eine gute Bekannte, die vor Jahren – auch Selbstmörder scheinen wie alle eine gewisse Affinität zu ihresgleichen zu haben – Schluss machte, antwortete mir wenige Tage vor ihrem Ende auf meine Frage, was denn los sei, einfach nur: „Du weißt es, und die, die es nicht wissen, wollen es nicht wissen.“

KaSchmäh: Gut. Was ist los.

NN: Finden Sie das lustig? Kaum beginnt unser Gespräch ernst zu werden, weichen Sie aus.

KaSchmäh: Entschuldigung, wenn Sie das als Flucht verstanden haben. Was führte in Ihrem Leben dazu, dass Sie nicht mehr leben wollen oder können?

NN: Die Scheidung und die Gerichte.

Fortsetzung folgt

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