Soylent Green und Google Glass, Dystopie oder Eutopie

Vor einigen Tagen überkam mich das Bedürfnis, wieder einmal einen Film zu sehen. Keine Aneinanderreihung wilder Computerspielszenen ohne Handlung, sondern eine schöne, leichte Story, die 90 Minuten lang für Unterhaltung sorgt. Obwohl ich keine große Hoffnungen hatte, einen Film aus der Zeit, in der noch ein kritisches Hollywood zeitlich der McCarthy-Ära näher als der Yes-we-can-Ära stand, zu finden, ging ich in den nächsten Medien-Supermarkt. In Medien-Supermärkten pflege ich meine Großvaterkarte auszuspielen: „Junge Frau (junger Mann), wären Sie lieb, … ich … nicht …“. Ich wollte der Verkäuferin, die meine Tochter hätte sein können, das Suchen am PC erleichtern und begann, „soylent schreibt sich mit Y, s-o-y …“, und bekam die überraschende Antwort, „ja, ich weiß, … „2022, die überleben wollen“ … einer meiner Lieblingsfilme.“ Bevor sie die Verfügbarkeit des Films online feststellen konnte, stand schon ein anderer Verkäufer, der mein Enkel (wie geschrieben, „hilfloser Großvater“ wirkt meistens) hätte sein können, hinter mir: „Hier: Soylent Green ist Menschenfleich.“ Zwei junge Menschen, die ihre Tage „fast and furious“ verbringen, kannten – und schätzten offensichtlich – alte Filme, deren Hauptdarsteller sich politisch unkorrekt für die NRA stark macht. Das ließ mich wirklich zum ich-kenne-mich-nicht-aus-Opa werden.

Über den Film kann man geteilter Meinung sein. Seine Sicht der Qualität der technischen Überwachung der „Zukunft“ macht ihn meiner Meinung nach zu einer märchenhaften – in Richtung eines Jules Vernes gehenden – Utopie. Mir fiel dazu unwillkürlich ein: „Neither Orwell nor Hitchcock at their most terrifyingly dystopian could have dreamt up Google Glass.“ Schon heute nützen Menschen die Freiheit ihrer Freizeit, um sich permanent in Medien, die zu ihrer einzigen Welt wurden, möglichst umfassend zu verewigen. Innerhalb weniger Minuten lässt sich vieles über Fremde in Erfahrung bringen, das diese nicht einmal ihren Vertrauten anvertrauen würden.

Und dieses Entschleiern soll zunehmend auch unbeteiligte Dritte (be)treffen. Das Ende dieser Entwicklung kann heute nicht einmal annähernd abgeschätzt werden. Ein Verschmelzen der Wirklichkeit mit dem Internet, das nicht nur nicht kritisch-ablehnend erschwert, sondern leichtfertig-freudig begünstigt wird, könnte einmal einen Winston Smith, der in 1984 sein geheimes Tagebuch noch in einer vom Big Brohter uneinsehbaren Ecke schreiben konnte, beneiden lassen.

Vorstellungen über die Zukunft wurden weitgehend zu einer Dystopie: Dystopie (zu griechisch dys- = schlecht und tópos = Platz, Stelle; englisch dystopia), auch Antiutopie genannt, ist ein Gegenbild zur positiven Utopie, der Eutopie, und ist in der Literaturwissenschaft eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit negativem Ausgang.

Mir bescherte Soylent Green nicht nur 90 unterhaltsame Minuten, sondern auch die begründete Hoffnung, dass neben „Fast and Furious“ auch cineastische „Klassiker“ im Bewusstsein bleiben; und vielleicht sogar Fragen wie, „mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“, nicht mit einer Anzeige wegen sexueller Belästigung, sondern mit dem Zitat, „bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause geh`n,“ als Beginn eines Flirts beantwortet werden könnten.

Kurz: Vielleicht werden die „letzten Tage der Menschheit“ doch noch um einige Jahrtausende prolongiert; wenngleich auch nur wegen Ausverkaufs der Vorstellungen.

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