Staatsanwälte demonstrieren nicht

Aber andere. Der VGT rief und Hunderte kamen. Der VGT ermöglichte, ein Zeichen zu setzen. Tote Wegwerf-Tiere, Trash-Animals, wertlose Produkteinheiten – lebender Industrieabfall, wie ihn unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft, unsere Regierung und unsere Rechtsprechung bewusst produzieren, bekam posthum einen Platz: Auf dem Arm einer oder eines der 650 Mahnwachenden.Mahnwache Betont wird, dass dies das Resümee eines einzelnen Teilnehmers ist, das nicht der Ansicht der Veranstalter entsprechen muss. Diese kann und soll auf Seiten des VGT nachgelesen werden. Aber ich finde, jede einzelne Teilnehmerin sollte schreiben, wie schäbig unser Umgang mit anderen Lebewesen ist. Ich hielt eine weiße Katze, mit schwarzen Flecken. Sie lag zusammengerollt in meinem Arm wie vor mehr als einem halben Jahrhundert Gigi, eine schwarz-weiße Katze, die meine Kindheit mit mir teilte. Nur hart. Und vor allem kalt. Zu Eis gefroren.

Die Veranstaltung war pietätvoll. Die Tiere wurden einzeln überreicht. Einzeln wurden sie von Ordnern auf Händen zu den Wartenden getragen. Mit Respekt wurden sie übergeben. Nicht der Reihe nach, sondern individuell. Und mit Anteilnahme gehalten. Zum ersten Mal wurden aus Sachen Individuen. Selten erreichen Mahnwachen diesen Grad der Besinnung und Einkehr.

Nur eine kurze Ansprache eines Europaabgeordneten, der in Martin Luther Kings Fußstapfen treten wollte, und für mich die „Ich habe einen Traum“-Phrasen überstrapazierte, fand ich entbehrlich. Vielleicht war ich aber auch nur überreizt. Gedanken an gratis Limousinenservice statt Taxifahrten und korrupte Geldverschwendung a la EU-Agenturen können die Ohnmacht kurzfristig dämpfen. Die Ohnmacht, der DDr. Balluch einen Namen gab, der er aber auch Hoffnung entgegensetzte.

In den Medien ist von 650 Personen, die hunderte tote Tiere hielten, die Sprache. DDr. Balluch holte die hunderten toten Tiere, die allein in Österreich stellvertretend für millionenfaches Leben, das nicht leben darf, stehen, aus der Anonymität. Auf Deutsch und Englisch erzählte er in seiner bekannten Art von Lebewesen, die lebendig kastriert werden, denen die Schnäbel weggelasert werden, die ihr – kurzes – Leben in Folterkammern der Gewinnmaximierung verbringen. Nur den Gesetzen der Wirtschaft unterworfen. Denen Gesetze nicht einmal den Hauch eines Rechts einräumen. Die für Kosmetik gefoltert werden, die für ihren angenehmen Geruch als Schnitzel gefoltert werden, die für den Spaß, etwas Bewegliches getroffen zu haben, gefoltert werden. In mir tauchte ein Oberarzt auf, der sich über ein Hochwasser beschwerte, das der Jagdgesellschaft für ein ganzes Jahr die Chance genommen hat, zu selektieren. Auf der Rampe der Eitelkeit. Dabei sind vor allem die noblen Jagdgesellschaften, bei denen die Jagdherren und die Jagddamen zu vorbereiteten, leicht erreichbaren Jagdsitze gekarrt werden, um dann im Wissen, auch dazuzugehören, auf das immer wieder im Kreis vorübergetriebene Jagdwild zu schießen, alles andere als Selektierer. Die feuern blindlings. In mir tauchte auch das freundlich-lächelnde Gesicht der Bundesministerin Hammerschmid auf, die als Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität Wien für die dortigen „wissenschaftlichen“ Tierversuche die Verantwortung getragen hat. Ich dachte auch an die tausenden Abgeordnete in Europa, die dieses Tierleid gesetzlich absegnen. 183 in Wien, 630 in Berlin, 751 in Brüssel.

Aber ich dachte auch an Fifi und Charlie. Unter den toten Tieren waren auch zwei Meerschweinchen. Zwei andere, Fifi und Charlie, zwei Böcke, kamen erst im hohen Alter zu mir. Sie kannten nur ein Leben im Käfig. Als ich sie das erste Mal auf eine Wiese setzte, flüchteten sie sich zwischen meine Beine. Erst als ich ein Tuch über sie ausbreitete, begannen sie, die Wiese zu genießen. Von Zeit zu Zeit streckten sie ihre Köpfe hervor.dsc_0792 Aber nur kurz, um gleich wieder unter die gespannte Decke zu verschwinden. Zwei Meerschweinchen. Zwei Böcke. Und doch so verschieden.fifi_redi Fifi war einen Kopf kleiner, aber frech. Er wollte stets dominieren. Charlie nahm das gelassen. Auf der Wiese tauschten sie die Rollen.dsc_0855 Fifi sah altersbedingt schlecht. Auf der Wiese hielt er sich immer an Charlie. Charlie dominierte aber nicht, er führte. Fifi war der Feine, ein Prinz Charming. Charlie war bodenständig und robust. Fifi beherrschte ein einmaliges Kunststück. Manchmal gelang es ihm, ein Gurkenstücken derart im Maul zu tragen, dass er darauf noch ein zweites transportierten konnte. Und zwei Gurkenstücke im eigenen Häuschen zu verspeisen, das hat schon was. Die ersten Monate nutzen sie beide Etagen ihres Stalls. Später konnten sie die Treppe nicht mehr steigen und blieben nur mehr auf einer Etage. Da wurden auch die runden Fenster ihres Stalls wichtig. Oft streckten sie ihre Schnauzen so lange durch die kleinen Löcher, bis es Gurke gab. Gurke ist sicher nicht die ideale Meerschweinchen-Nahrung. Aber wer so viel im Leben mitgemacht hat, dem soll es im Alter auch einmal „gut“ gehen. Fifi bekam schließlich einen Tumor. Rund um Luft- Speiseröhre.

Eine Operation war nicht möglich. Eine Zeit lang nahm er noch eine besondere Kraftnahrung zu sich. Als der Erstickungstod drohte, schärften mir die Tierärzte ein, dass es verboten sei, ein Haustier selbst zu töten. Das sei mit dem Tierschutz nicht zu vereinbaren. Das dürften nur Befugte. Dafür gibt es also gesetzliche Bestimmungen. Ich entschloss mich trotzdem, Fifi selbst zu erlösen, als er Atemprobleme bekam. Beide, auch der robuste Charlie, fürchteten sich immer beim Tierarzt. Auf der Wiese, unter der Decke, fühlten sie sich wohl. Und auf der Wiese fand Fifi auch sein schnelles Ende. Charlie bekam bald eine Mitbewohnerin.
Ein Lob den Freunden der Meerschweinchen.
Charlie, alt und kastriert, übernahm sofort die Beschützerrolle.dsc_1026 Erst als es auch mit ihm zu Ende ging, ließ ihn seine neue Mitbewohnerin nicht mehr in ihr Häuschen. Charlie starb wie er gelebt hat. Alleine und unbemerkt.

Und die zwei toten Meerschweinchen der Mahnwache? Hatten sie auch Namen? Hatten sie ein Leben? Und welches?

Wir wissen es nicht. Aber viele wollen es wissen.

Staatsanwälte wollen es nicht wissen. Auch Richter nicht. Für die ist der Sachverhalt klar. Sie dienen der Gesellschaft. Sie verwirklichen das Recht. Sie sorgen für Ordnung und geben den Gesetzen ihre Gültigkeit. Auch bei uns, auch hier in Wien, in der Weltstadt der Gemütlichkeit, in der Lipizzaner Mozartkugeln scheißen, während die Sängerknaben singen:

Armes Häslein
Gestern Abend ging ich aus,
ging wohl in den Wald hinaus;
saß ein Häslein in dem Strauch,
guckt mit seinen Äuglein raus.
Armes Häslein, was du sagst
und ganz heimlich zu mir klagst!
„Was will denn der Waidemann?
Hetzt auf mich die Hündlein an?
Wenn der Jäger mich ertappt
und das Windspiel mich erschnappt,
hält er mir die Büchse her,
als wenn sonst kein Has mehr war!
Bringt der Jäger mich nach Haus,
zieht ‚r mir Pelz und Hosen aus,
legt mich auf das Küchenbrett,
spickt mein Buckel brav mit Speck;
steckt den Spieß von hinten ein,
wie kann er so grob doch sein!
….
Ein Schwänzlein hab ich, das ist klein,
wünscht, es möchte größer sein.
Weil es nun nicht größer ist,
muss es bleiben, wie es ist.
Wenn ich an mein Schicksal denk,
es mich recht von Herzen kränkt!“

 

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Kommentar:

mit dem Schluss:

„Ein Schwänzlein hab ich, das ist klein,
wünscht, es möchte größer sein.
Weil es nun nicht größer ist,
muss es bleiben, wie es ist.
Wenn ich an mein Schicksal denk,
es mich recht von Herzen kränkt!“

scheint sich der Kreis zum Umgang mit Kinderrechten zu schließen

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